eSport Marketing, Interview
Michael Bister: „Ja, Deutschland braucht eine eigene eSport-Liga“

Michael Bister: „Ja, Deutschland braucht eine eigene eSport-Liga“

Auf Grund des steigenden Interesses seitens internationaler Nutzer haben wir uns dazu entschieden keinen rein deutschsprachigen Blog mehr zu führen. Stattdessen werden wir fortan unter www.esports-marketing-blog.com englischsprachigen Content anbieten.

Die ESL Pro Series ist Deutschlands renommierteste eSport-Liga, hat in mittlerweile über 13 Jahren mehr als 2,7 Millionen Euro Preisgelder ausgelobt und seit ihrem Bestehen wurden mehr als 145 Deutsche Meister gekürt. Ab 2015 wird die Liga nun unter einem neuen Namen geführt. Was steckt dahinter?

Wir haben uns mit Michael Bister, Head of Pro Gaming Germany bei der Turtle Entertainment GmbH, zusammengesetzt und uns über die jüngsten Ereignisse, die Vergangenheit und Zukunft der höchsten deutschen eSport-Liga unterhalten.

Herr Bister, durch ihr 13-jähriges Bestehen hat die ESL Pro Series maßgeblich ihren Anteil an der nationalen und internationalen Entwicklung des eSports gehabt. Wieso haben Sie sich dazu entschieden diesen prestigereichen Namen nun abzulegen und zukünftig unter „ESL Meisterschaft“ aufzutreten?

Michael Bister

Michael Bister, Head of Pro Gaming Germany, Turtle Entertainment GmbH

Michael Bister: Die Namensänderung hatte verschiedene Gründe. Einer davon war die klare Identifizierung mit Deutschland, dem Land wo dieses Turnier stattfindet. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder neue nationale Turniere ins Leben gerufen, in Frankreich, Spanien und seit neustem auch England. Damit sich das Produkt unterscheidet, erhält jedes Land seinen eigenen passenden Namen. In England reden wir von der UK Premiership, in Deutschland suchen wir in der „ESL Meisterschaft“ Deutschlands beste eSportler.

Das 13-jährige Bestehen wird dadurch übrigens nicht ungeschehen gemacht. Der Wettkampf auf nationaler Ebene in Deutschland läuft nach wie vor ab und ist weiterhin der Grundstock für jeden deutschen eSport-Begeisterten.



In einer offiziellen Stellungnahme begründen Sie die Namensänderung mitunter damit, dass „die ESL Pro Series für viele immer ein Begriff für die fetten Jahre von früher“ sei. Heißt das, dass die Liga heutzutage weniger attraktiv ist?

Michael Bister: Jein, vielleicht war dieser eine Satz tatsächlich etwas unglücklich gewählt und ist von vielen falsch verstanden worden. Wenn man sich in den letzten Jahren immer wieder das Feedback der Community angehört hat, war es so, dass man immer den Vergleich zu 2007/08 gesucht hat, wo wir einen Tanzbrunnen in Köln gefüllt haben oder wo es Preisgelder im sechsstelligen Bereich gab. Dieser Vergleich ist einfach sehr anstrengend für uns. Wir können aus diversen Gründen nicht mehr 1:1 die EPS von 2008 haben. Nicht jetzt und auch nicht in den nächsten Monaten. Das ist natürlich unser Ziel, aber das ist ein längerer Weg. Damit man nicht ständig als Stolpersteine diesen Vergleich vor sich hat, haben wir uns für die Namensänderung entschieden.

Während zu Beginn der ESL Pro Series vor 13 Jahren noch alles in den Kinderschuhen steckte, es weniger(er) Struktur gab und der Antrieb viel mehr der war, etwas Neues und bis dato noch nicht Existierendes zu schaffen,  ist der Markt heutzutage weitgehend von wirtschaftlichen Entscheidungen geprägt. So wurden unter anderem vor einigen Jahren die Intel Friday Night Games aus Kostengründen abgeschafft. Wie schafft die Liga es, wirtschaftlich zu bleiben?

Michael Bister: Als wir anfingen, gab es keine große Konkurrenz und auch die Erwartungshaltung war eine ganz andere. Da konnten wir mit den ersten günstigen Events im Kölner Internet-Cafe schon für Spannung und Gänsehaut sorgen. Aber wie überall wächst der Markt, Konkurrenz belebt das Geschäft und man will sich weiterentwickeln (zu Recht). Die Intel Friday Night Games waren die logische Weiterentwicklung, jedoch gab es dann einen Zeitraum von ca. 2009-2012, in dem viele Investoren und Partner auf Grund von mehr Reichweite, größeren Events und mehr Zuschauern den internationalen Markt bevorzugten. Das ist aber nicht verwunderlich. Die Championsleague im Fußball erreicht schließlich auch mehr Zuschauer als die nationale Liga.

Warum wir nun 2015 wieder wirtschaftlich sind und sogar ein Open Air Event mit bis zu 1.000 Zuschauern planen können? Weil viele Partner den nationalen Markt und die direkte Kommunikation mit dem deutschen Markt wieder schätzen gelernt haben. Außerdem ist eine Partnerschaft bei uns günstiger als beispielsweise ein Sponsoring des Intel Extreme Masters Event in Katowice. Das braucht man ja keinem verheimlichen.


Impressionen der Finalspiele 2014 der ESL Meisterschaft (vorher ESL Pro Series) in den ESL Studios


Sie sagen, dass viele Partner den nationalen Markt wieder schätzen gelernt haben. Was macht den deutschen eSport-Markt Ihrer Meinung nach attraktiv?

Michael Bister: Weil dort jeder Partner ohne Streuverlust direkt seine deutschen Kunden erreichen kann, das dürfte ja klar sein. Warum sollte ich international Geld ausgeben, wenn ich mit meinem Produkt nur Deutsche erreichen möchte?!

Mit SteelSeries, BenQ und seit neuem auch One.de hat man namhafte Partner aus dem IT-Bereich. Dr. Pepper ist der einzige Partner, der aus dem Non-IT-Bereicht stammt. Tun sich Firmen aus diesem Bereich nach wie vor schwer, sich im eSport zu engagieren?

Michael Bister: Es geht eigentlich. Sie tun sich nicht schwer, sondern sie brauchen nur etwas länger (lacht). Wenn man sich den eSport-Markt generell anschaut, sind schon andere Firmen mit dabei. Euronics hat ein beispielsweise eigenes Team auf die Beine gestellt (Ist zwar ein Elektronikhaus, aber nicht speziell nur für Gamer). Es werden auch immer mehr. Das ist wie so oft keine Frage ob, sondern nur wann.

Welche Möglichkeiten bieten sich für Partner der größten Deutschen eSport Profiliga?

Michael Bister: Ganz klar die Reichweite und Präsenz. Jeder, der in Deutschland ein eSport-Begeisterter ist, kennt uns als Turnier. Wenn große Medien über eSport in Deutschland berichten, berichten sie über die ESL Meisterschaft. Es ist nunmal die Anlaufstelle seit über 14 Jahren. Hier bündelt sich alles; Die nationalen Teams, die Fans, die Presse. Möchte man mit dem eSport in Deutschland in Kontakt treten, kommt man zu uns.


Impressionen der Finalspiele 2014 der ESL Meisterschaft (vorher ESL Pro Series) auf der gamescom


eSport und dessen gesellschaftliche Akzeptanz hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Inwiefern hat sich dieser Umstand auf die Liga ausgewirkt? 

Michael Bister: Auf die Spieler und Teams eigentlich gar nicht, die Akzeptanz war ja damals schon da, sonst hätte man damals nicht gespielt und zugeschaut. Interessant ist lediglich die Aufmerksamkeit die nun von außen dazugekommen ist. Nun wollen auch andere Medien und Partner wissen, was denn dieser eSport überhaupt ist. Und da stehen wir parat und zeigen ihnen diese interessante Welt.

Hat sich dadurch auch die Zielgruppe der Liga verändert?

Michael Bister: Die hat sich nicht durch die Akzeptanz von GI-Medien verändert, sondern generell hat sich die Zielgruppe vergrößert, weil einfach immer mehr Menschen Videospiele spielen. Sie wachsen damit auf, es ist für sie vollkommen normal. Dadurch ist auch der eSport normal geworden und die Zuschauerschaft hat sich dadurch vergrößert.

Haben Sie gewusst, dass im Jahr 2014 über 6 Millionen Zuschauer bei der ESL Meisterschaft (vorher ESL Pro Series) eingeschaltet haben?  Weitere interessante Kennzahlen der Liga erhalten Sie in unserem Artikel „Knapp 6 Millionen Mal eingeschaltet: ‚Deutschlands beste Gamer“ locken Millionenpublikum an

Der eSport hat sich in kürzester Zeit zu einem signifikanten Markt entwickelt. Einher mit dieser Entwicklung geht, dass der sportliche Wettkampf immer mehr auf internationaler Ebene stattfindet und nationalen Ligen weniger Aufmerksamkeit zukommt. Braucht Deutschland überhaupt noch eine eigene Liga?

Michael Bister: Ganz klare Antwort: Ja! Aber sowas von. Man kann das auf alles herunterbrechen. Dann erkennt man die Antwort ja selbst. Alle schauen nur auf die Mega-Events. Ob es in knapp zwei Wochen die Intel Extreme Masters Katowice Grand Finals sind, das ESL One Event in der Commerzbank Arena oder auch in der Lanxess Arena.

Wer braucht da noch ein 1000-Mann Event in Duisburg oder gar ein Studioevent mit maximal 200 Zuschauern? Ja, warum brauchen wir denn überhaupt eine Amateur Liga? Eine Open Ladder? Warum gibt es überhaupt Public Games? Es gibt ja auch bei anderen Sportarten nicht nur die Championsleague oder den internationalen Vergleich.

Aus einem wichtigen Grund: Man möchte jedem die Chance geben, sich zu beweisen, an einem Wettkampf teilzunehmen, Zeit und Energie in sein Hobby zu investieren. Ich meine, wir verdienen als ESL nicht wirklich etwas daran, dass wir eine Open Ladder anbieten. Wir könnten die jetzt gleich schließen und unserem ESL One Event in Frankfurt würde das überhaupt nichts antun. Aber das ist nicht das Ziel dahinter. Wir wollen jedem die Möglichkeit bieten, sich zu entwickeln und mitzuspielen. Da gehört eben auch ein nationales Turnier dazu. Das ist nun mal der erste große Schritt. Wer den geschafft hat, ist bereit für den nächsten. Step by step der Weg zum Pro Gamer.


Die ESL Pro Series hatte in den letzten Jahren immer wieder mit einem Image-Problem zu kämpfen, die Zuschauerzahlen aus dem vergangenen Jahr sind jedoch besser denn je. Wie erklären Sie sich das?

Michael Bister: Wer sagt denn, dass wir ein Image Problem haben? Die Community? Die Spieler? Die Partner? Die Medien? Da muss man differenzieren. Natürlich sind einige aus den verschiedensten Gründen nicht positiv angetan von dem Turnier. Vielen sind die Begegnungen zu langweilig, sie schauen lieber internationale Partien. Andere finden, die Liga hat keine Wertigkeit mehr, weil das Preisgeld zu niedrig ist etc. Aber das sind ja alles Gründe, die wir oben bereits erklärt haben. Es gibt eben internationale Konkurrenz, das lässt sich nicht ändern und wollen wir ja auch gar nicht. Denn genau dadurch wächst ja auch das generelle Interesse am eSport.

Den wirklichem Umschwung, was die Zuschauerzahlen angeht, haben wir Ende 2013 gesehen. Das Liga-System wurde durch ein Cup-System ausgetauscht und die Zuschauerzahlen gingen nach oben. Wir haben probiert das System so einfach wie möglich zu machen, um einfach jeden erreichen zu können, der Lust am eSport hat. Es hat funktioniert.

Was sind eure Planungen für die Zukunft und wo siehst du die ESL Meisterschaft in fünf Jahren im internationalen Vergleich?

Michael Bister: Sie wird immer noch die erste Anlaufstelle für den nationalen eSport sein. Sie braucht keinen Vergleich mit den internationalen Turnieren. Es wird für viele der erste Schritt sein, wenn sie professionell im eSport aktiv werden wollen. Klar, die Zuschauerschaft wächst weiter an, mehr Partner glauben an uns und dadurch wächst das Preisgeld sowie die Größe der Finals. Darüber hinaus wird mehr offline stattfinden und Teams und Spieler haben sich eine richtige Fankultur aufgebaut.

Herr Bister, vielen Dank für das Interview.

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